Die italienische Regierung widersetzt sich der Forderung der Europäischen Kommission, ihren Haushaltsentwurf für 2019 zu überarbeiten, um das Defizit zu verringern. Die Renditeaufschläge für Anleihen nehmen zu und italienische Banken stehen unter Druck. Sollte es zu einem Bankrun kommen, könnte der Euro auseinanderfallen?

Nach der deutschen Wiedervereinigung stiegen die Zinssätze Anfang der neunziger Jahre auf über 9%. Andere Länder, die ihre Zinssätze über den Wechselkursmechanismus des Europäischen Währungssystems (EMS) an die Deutsche Mark gebunden hatten, konnten nicht mithalten. Währungsspekulanten erzwangen Abwertungen und schließlich eine weitreichende Entkopplung der am System beteiligten Währungen. Diese Erfahrung motivierte viele europäische Politiker, auf die rasche Einführung einer einheitlichen europäischen Währung zu drängen. Kein Land sollte durch bloße Marktkräfte gezwungen werden, aus einer Währungsunion auszusteigen.

Aber ist der Euro heute wirklich sicher vor solchen zerstörerischen Marktkräften?

Stefan Homburg von der Universität Hannover hat diese Frage in einer aktuellen Analyse verneint. Er kommt zu dem Schluss, dass ein Land des Euroraums durch einen „Lauf“ der dortigen Bankeinlagen aus der Währungsunion herausgebrochen werden könnte.

Wie wäre das möglich? Schauen wir uns die Situation in Italien an, wo die Banken den Stress zu spüren bekommen und einige italienische Bankkunden damit begonnen haben, Einlagen aus dem Land zu verlagern. Angenommen, viele dieser Kunden würden das Vertrauen in die Sicherheit ihrer Bankeinlagen verlieren und sie nach Deutschland verlagern. Anstatt ihren italienischen Partnern Interbankenkredite zu gewähren, würden deutsche Banken wahrscheinlich verlangen, dass sie wertvolle Forderungen in Form von Zentralbankgeldern zur Deckung der neuen Verbindlichkeiten überweisen.

Der Abfluss von Bankeinlagen verringert daher die Zentralbankreserven italienischer Banken.

Was passiert, wenn die italienischen Bankreserven erschöpft sind? Damit die Überweisungen nach Deutschland fortgesetzt werden können, müssen italienische Banken neues Reservegeld beschaffen. Die Frage ist wie. Sie können von ihnen früher gewährte Kredite im Rahmen einer umgekehrten Transaktion an die italienische Zentralbank übergeben – mit der Vereinbarung, sie beispielsweise zu einem späteren Zeitpunkt zurückzukaufen – gegen Geld der Zentralbank. Solange es sich um verbriefte Kredite von angemessener Qualität handelt, können sie die üblichen Finanzierungsmöglichkeiten der Europäischen Zentralbank (EZB) nutzen. Wenn sie nur noch zweifelhafte Kredite zum Umtausch haben, können sie das erforderliche Zentralbankgeld von der Banca d’Italia (BdI) im Rahmen des ELA-Mechanismus (Emergency Liquidity Assistance) erhalten.

Theoretisch könnten alle Kredite und Einlagen aus den Bilanzen italienischer Banken verschwinden. Die Kredite würden nun beim BdI und den Einlagen in Deutschland liegen. Als Gegenstück hätte der BdI entsprechende Verbindlichkeiten im Interbank-Zahlungssystem Target2 und die Bundesbank die damit verbundenen Forderungen. Rein theoretisch gesehen konnte der Euro daher nicht durch einen „Bank Run“ geknackt werden.

In der Praxis werden italienische Banken jedoch unter diesen Umständen nicht in der Lage sein, das Geld der Zentralbank zu erwerben, das sie zur Finanzierung des Abflusses ihrer Einlagen benötigen. Der EZB-Rat kann mit einfacher Mehrheit die vollständige Zuteilung von Zentralbankgeldern und mit einer Mehrheit von zwei Dritteln seiner Mitglieder die Ausgabe von Zentralbankgeldern durch das BdI im Rahmen der ELA beenden. Viele Ratsmitglieder werden sich unwohl fühlen, wenn ein Bankrun zu einer immer größeren Flucht von Einlagen aus Italien in andere Länder führt.

Könnte das BdI verhindern, dass eine Zweidrittelmehrheit gegen eine von ihm gewünschte ELA stimmt? Es würde mindestens acht der 21 Stimmen im Rat benötigen. Die sechs Stimmen der südeuropäischen Länder, die aufgrund ihrer eigenen Situation eher dazu neigen, das Dilemma Italiens zu verstehen, würden nicht ausreichen. Um die Blockierung der ELA zu verhindern, müssten der italienische Präsident und der spanische Vizepräsident ebenfalls nach ihrer Herkunft abstimmen. Oder andere Ratsmitglieder müssten von der Notwendigkeit einer weiteren ELA durch das BdI überzeugt werden. Dies wäre wahrscheinlich der Fall, wenn die Gefahr eines italienischen Ausstiegs besteht, der die gesamte Währungsunion in die Luft jagt.

Hat Italien also doch die besseren Karten?

Nicht unbedingt. Der Rat könnte ELA für italienische Banken zulassen, aber wie bei Griechenland die Entscheidung mit der Einführung von Kapitalkontrollen verknüpfen. Dann wäre der Export von Einlagen aus Italien nur in sehr begrenztem Umfang möglich. Um den Schmuggel von Bargeld aus dem Land zu erschweren, könnte das Thema Bargeld wie in Griechenland eingeschränkt und Grenzkontrollen eingeführt werden.

Theoretisch kann der Euro nicht geknackt werden. In der Praxis könnte jedoch ein Massenexodus von Einlagen aus einem Land der Währungsunion ein Ende setzen. Denn wenn Einlagen und Bargeld in der Eurozone nicht frei fließen können, ist der Euro keine einheitliche Währung mehr.

Wenn Ihnen dieser Beitrag gefallen hat, vergessen Sie nicht, den unternehmungslustigen Investor zu abonnieren.

Alle Beiträge sind die Meinung des Autors. Als solche sollten sie weder als Anlageberatung ausgelegt werden, noch spiegeln die geäußerten Meinungen notwendigerweise die Ansichten des CFA-Instituts oder des Arbeitgebers des Autors wider.

Bildnachweis: © Getty Images / altmodern

Thomas Mayer, PhD, CFA

Thomas Mayer, PhD, CFA, ist Gründungsdirektor des Flossbach von Storch Research Institute. Zuvor war er Chefökonom der Deutschen Bank Gruppe und Leiter von DB Research. Mayer hatte Positionen bei Goldman Sachs, Salomon Brothers und vor seinem Eintritt in den privaten Sektor beim Internationalen Währungsfonds (IWF) und am Kieler Institut inne. 1982 promovierte er an der Universität Kiel in Wirtschaftswissenschaften. Seit 2003 und 2015 ist er CFA Charterholder und Honorarprofessor an der Universität Witten-Herdecke.