Da dieses außergewöhnliche Jahr zu Ende geht, ist es an der Zeit, über das Versprechen nachzudenken, das die finanzielle und andere Berichterstattung für die nahe Zukunft haben könnte.

Aber schauen wir uns zuerst an, wo wir sind.

Die Aussagekraft der Finanzinformationen, die den Anlegern zur Marktbewertung gemeldet wurden, ist in den letzten Jahrzehnten gesunken. Dies allein könnte nicht ganz das „Ende der Rechnungslegung“ darstellen, da Baruch Lev und Feng Gu ihr Buch 2016 ziemlich dramatisch betitelt haben. Zumindest noch nicht.

Das folgende Diagramm aus dem Ende der Rechnungslegung und dem Weg nach vorne für Investoren und Manager sollte jedoch jedem Stakeholder der Finanzberichterstattung eine Pause geben. Der R2-Wert in der Grafik ist ein statistischer Indikator für die Aussagekraft der ausgewiesenen Gewinne und des Buchwerts für den Unternehmensmarktwert zwischen 1950 und 2013. Der Trend ist alarmierend und die jüngsten Marktmaßnahmen haben ihn nur verschärft.

Quelle: Das Ende der Rechnungslegung und der Weg nach vorne für Investoren und Manager von Baruch Lev und Feng Gu

Auf welche Informationen sollten sich Anleger bei ihren zukunftsgerichteten Entscheidungen im Jahr 2021 konzentrieren? Lev und Gu sind der Ansicht, dass die GAAP-Berichterstattung immaterielle Vermögenswerte wie beispielsweise interne F & E nicht ausreichend berücksichtigt, weshalb Analysten zunehmend nicht buchhalterische SEC-Unterlagen konsultieren. Lev und Gu haben sicherlich einen Punkt.

Aber da 2020 das Jahr ist, in dem Umwelt-, Sozial- und Governance-Überlegungen (ESG) zum Mainstream wurden, würde ich in eine andere, aber verwandte Richtung argumentieren: Während ihr Fokus auf immaterielle Vermögenswerte im Prinzip genau richtig ist, ist es auch Lev und Gu’s Definition von immateriellen Vermögenswerten eng.

Ich glaube, dass die Konzentration auf Finanzinformationen eine zunehmend materielle und damit wertvolle Informationsquelle über die Position eines Unternehmens in seinem Umfeld aktiv ignoriert. Finanzinformationen erkennen diese Position nur durch die verrauschte und verzerrende Linse der Preise oder, wenn überhaupt keine Preise existieren, wie bei den meisten Umweltgütern, überhaupt nicht.

Sollten Anleger die ESG- und Nachhaltigkeitsberichte und -ratings vergrößern? Schließlich werden diese sowohl von Erstellern als auch von spezialisierten kommerziellen ESG-Ratingagenturen in immer größerem Umfang und Detail geliefert. Nicht so schnell!

Wachsende Erkenntnisse deuten darauf hin, dass die aktuellen freiwilligen – und in der Regel ungeprüften – ESG-Berichte und -Ratings nicht den Standards für Kohärenz und Entscheidungsnutzen entsprechen, die Anleger von der Finanzberichterstattung erwarten. Und es ist nicht fair, sie an diesen Standards festzuhalten. Warum? Weil die Frameworks – SASB, GRI, TCFD usw. -, unter denen diese Standards erstellt wurden, unterschiedliche Interessengruppen mit heterogenen Zielen ansprechen. Auf der Berichtsebene kommt es zu zeitlichen Inkonsistenzen. Das sollte keine Überraschung sein. Wir haben noch keinen Kontrollrahmen für ESG-Berichte, der mit dem ihrer Finanzkollegen vergleichbar ist. Darüber hinaus variieren die Ratings desselben Unternehmens stark zwischen den verschiedenen Agenturen

Das Signal-Rausch-Verhältnis in ESG-Berichten und folglich die Bewertungen werden eher niedrig sein. Dennoch ist es ermutigend und widerlegt die orthodoxe und seit langem bestehende gegenteilige Überzeugung, dass die Integration von ESG-Faktoren in den Anlageprozess nicht zu schlechteren Ergebnissen führt.

Sobald wir die anhaltende Pandemie überwunden haben, wird der Klimawandel die oberste globale Priorität sein. Um dies zu erreichen, ist ein massiver Strukturwandel in der Weltwirtschaft erforderlich. Und dafür haben wir auf granularer Ebene der berichtenden Unternehmen wenig Materialleitlinien. Investoren werden den Umfang und die Auswirkungen dieses Strukturwandels verstehen wollen. Ein verbindlicher Rahmen für die Berichterstattung über nichtfinanzielle Nachhaltigkeit könnte diese Leitlinien liefern. Die Ergebnisse müssten geprüft werden und ähnlichen Standards in Bezug auf Vergleichbarkeit, Qualität und Kohärenz folgen wie die aktuelle Finanzberichterstattung innerhalb eines disziplinierten Kontrollrahmens. Um entscheidungsrelevant zu sein, müsste die Berichterstattung strukturell an der Finanzberichterstattung ausgerichtet sein, beispielsweise wenn es um Segmentberichte und strukturierte Datenformate wie XBRL geht. In unserer Antwort auf die Konsultation der IFRS Foundation wird dies ausführlicher erörtert.

Ich bin ziemlich zuversichtlich, dass die derzeit laufende, leistungsstarke Überarbeitung der EU-Richtlinie zur nichtfinanziellen Berichterstattung in Verbindung mit dem noch zu bildenden IFRS Foundation Sustainability Standards Board irgendwann (und eher früher als später) erfolgen wird! ) zur Schaffung eines solchen Rahmens führen.

Ich gehe davon aus, dass die ersten entscheidenden Schritte in diese Richtung vor dem neuen Jahr unternommen werden.

Dieser Artikel wurde erstmals auf Daily Fintech veröffentlicht.

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Alle Beiträge sind die Meinung des Autors. Als solche sollten sie weder als Anlageberatung ausgelegt werden, noch spiegeln die geäußerten Meinungen notwendigerweise die Ansichten des CFA-Instituts oder des Arbeitgebers des Autors wider.

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Christian Dreyer, CFA

Christian Dreyer, CFA, ist ein unabhängiger Analyst und Investor, der sich für die Erkenntnistheorie der Märkte interessiert. Bis vor kurzem war er CEO der CFA Society Switzerland. Zu seinen freiwilligen Aktivitäten gehört die Tätigkeit als erster Vorsitzender des Kapitalmarktbeirats des IFRS-Verwaltungsrats und als Mitglied des XBRL-Beirats der IFRS-Stiftung.